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After-Work-Nudelparty: Feuer und Flamme für barrierefreies / inklusives Wohnen in Regensburg

After-Work-Nudelparty

Küche „All-in(k)lusiv": Feuer und Flamme für barrierefreies / inklusives Wohnen in Regensburg

Regensburg. Donnerstagabend, 23. Oktober, 18 Uhr. In der Showküche von Küche Aktiv finden sich die ersten Gäste ein. Nicht etwa, um sich an gedeckte Tische zu setzen. Nein, die illustre Gästeschar ist gekommen, um leidenschaftlichen Hobbyköchen über die Schulter zu schauen. Thomas Fischer von W.I.R Wohnen Inklusiv, durfte sich die Kochschürze anlegen und in der Küche aktiv werden. Küchenchef Thomas Kammerl vom Projekt „Regensburg inklusiv" und sein Souschef, der Architekt Markus Donhauser, kochen eigens für geladene Gäste ihre Lieblingspasta-Kreationen. Stefan Pusch von Küche Aktiv überwacht derweil lächelnd als Chef de Partie die Kochzeit für die Nudeln mit Biss.

Zur orientalischen Zimt-Tomaten-Nudelsoße wird ein liebliches Meerrettich-Petersilienpesto mit frisch geriebenem Parmesan gereicht. Zwiebeln, Mangold und zartes Putengeschnetzeltes brutzeln leise in der Pfanne. Weingläser klirren, Wasserdampf mischt sich mit Kräuteraromen in der Luft. Im Hintergrund ertönt erwartungsfrohes Lachen. Die Gäste sind sich einig. Hausmannskost ist was anderes.

„Die After-Work-Nudelparty" ist keine Alltagsküche

Bei der After-Work-Nudelparty bekochen die Hobby-Chefs de Cuisine wichtige Vertreter der Immobilienbranche und sozialer Initiativen aus Regensburg. Gastgeber Stefan Pusch stellt die Showküche zur Verfügung. Die frischen Bio-Zutaten sponsert Martina Kögl, Inhaberin der Ökokiste Kößnach, während Weingut Döltl vollmundige Weine beisteuert und Ralph Brauer von Augenoptik Brauer die Aktion finanziell unterstützt. Sie machen sich stark für Inklusion und kämpfen für ein gemeinsames Ziel: eine aktive und selbstbestimmte Teilhabe am Leben von Menschen mit Behinderung. Projektkoordinator Thomas Kammerl von „Regensburg inklusiv" und Alex Müller, Inhaber von Bureau 2+, hatten die Idee für  den gelungenen Kochabend: „Liebe geht durch den Magen und Essen hält Leib und Seele zusammen. Dies hat heute Abend Menschen zusammengebracht, die sich engagieren wollen."

Planungsdialog und Perspektivwerkstatt für Regensburg

Wie kann barrierefreies Wohnen in Regensburg gelingen? Michael Kroll ist Sprecher des Inklusionszirkels „Wohnen" und Vorstand der Nabau eG. Er begrüßt die Gäste und betont die Bedeutung einer Kommunikationsplattform. Inklusion bedeutet für ihn nicht das  bloße Errichten barrierefreier Wohnungen. Kroll geht es um lebendige Stadtviertel mit bunt durchmischten Hausgemeinschaften, bei denen das Alter, Einkommen, der  Gesundheitszustand und Lebensstatus keine Rolle spielen. Neben ressourcen- und energiesparendem Bauen ist ihm eine intakte Nachbarschaft besonders wichtig. „Regensburg besitzt genug Konversionsflächen, um solche Quartiere zu errichten. 

Traumwohnung gesucht: zentral, günstig und rollstuhlgerecht

Auch Betroffene melden sich an diesem Abend zu Wort. Ursula Obermayr ist Beraterin bei Phönix e.V. Sie kennt das Leben aus der Perspektive eines Rollstuhlfahrers und die Wünsche ihrer Klienten. Barrierefreie Wohnungen sind in der Altstadt Mangelware. Es existiert eine große Kluft zwischen Traum und Wirklichkeit. „Wer in der Altstadt wohnen möchte, muss Kompromisse machen. Der größte Knackpunkt in der Wohnung ist das Bad. Kann ich es schwellenlos erreichen und ist es groß genug? Besitzen die Wohnungstüren die nötige Breite oder bleibt nur der Weg über die Terrassentür?", so Frau Obermayr.

Ein Problem nicht nur für Rollstuhlfahrer, wie Annke Conradi betont, Mitarbeiterin bei Phönix e. V. Die Paralympics Rekordhalterin im Hochleistungsschwimmen sitzt selbst im Rollstuhl. Sie verweist auf den wachsenden Anteil immer älter werdender Menschen in unserer Gesellschaft. Eine demografische Entwicklung, die drängende Fragen aufwirft: "Wieso lernen wir nicht aus Fehlern. Wieso werden Neubauten weiterhin mit Hochparterre gebaut? Wir werden alle mal alt und jeder kann von heut auf morgen krank werden. Wenn es uns erwischt, sollen wir dann die vertraute Umgebung verlassen? Ich kann mich in dem Fall nicht selbständig in der Wohnung bewegen. Auch diese schweren Brandschutztüren lassen sich nicht ohne fremde Hilfe öffnen. Was mache ich, wenn es brennt? Und wieso werden die Aufzüge nicht bis zur Tiefgarage gebaut? Wie soll ich mich selbst in einer Notfallsituation retten? Bauträger fragt die Betroffenen oder hört uns wenigstens zu."        

Hochparterre und Universal Design: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Wer Regensburg kennt, weiß um seine verschachtelten Gassen und die verwinkelten Wohngebäuden in der Altstadt. Nicht umsonst wurde die romantische Stadt vor acht Jahren zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Einst legten die Römer den Grundstein dafür. Seither schwebt bei jedem neuen Bauvorhaben das Damoklesschwert des Denkmalschutzes über den Häuptern der Bauträger. Es ist nicht einfach, ein historisches Gebäude barrierefrei und behindertenfreundlich umzubauen. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. So sieht es Lena Pensl, Assistentin der Geschäftsleitung der Unternehmensgruppe Peter Trepnau Immobilien. Das bekannte Immobilienunternehmen saniert derzeit die ehrwürdige Klosteranlage „St. Klara" in der Ostengasse für die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Regensburg. Mitten im Herzen von Regensburg entsteht hier ein inklusives Wohnprojekt, in dem eine Erziehungsberatungsstelle, Mutter-Kind-Apartments, ambulantes und stationäres Wohnen sowie frei vermietbare Wohnungen verwirklicht werden. Alles barrierefrei und bequem per Aufzug erreichbar. Bis Mitte 2016 soll das aufwendige Sanierungsprojekt abgeschlossen sein. „Wir sind mächtig stolz, dass wir das machen dürfen. Es ist sicherlich nicht ganz einfach und benötigt viele Abstimmungen. Aber man muss nicht immer neu bauen. Eine solche Sanierung kann Bauträgern auch eine Chance bieten, weil man unkonventionelle Wege gehen muss. Ziehen alle Akteure an einem Strang, könnten weitere Objekte oder Grundstücke in der Altstadt saniert werden. Dies setzt natürlich einen besseren Austausch zwischen Bauträgern und Bewohnern voraus. Hier muss noch mehr Nähe entstehen. Wenn alle mitmachen, ist alles möglich. Packen ma's!"

Dem stimmt der Architekt Markus Donhauser gerne zu. Es ist Berater bei der Bayerischen Architektenkammer für barrierefreies Bauen. Für ihn bedeutet Barrierefreiheit, eine Wohnimmobilie zukunftsfähig zu gestalten. Vor allem für Senioren mit Blick auf den angesprochenen demografischen Wandel. Barrierefrei zu bauen bringt allen Menschen Komfort und großen Nutzen. Dabei können barrierefreie Wohnungen optisch wie ganz normale Wohnungen gestaltet werden. Die Räume sind nicht überall mit Stütz- und Haltegriffen versehen, sondern schwellenlos gestaltet. Küche und Bad sind großzügig und auf die benötigte Höhe zugeschnitten. Eine freizügig gestaltete Wohnung und eine gute, durchdachte Architektur sprechen halt jeden an. Und genau das ist Inklusion. Für Markus Donhauser stellt sich beim Thema inklusives Bauen und Wohnen eher die Frage: „Wann würden sich Menschen ohne Behinderung an einem inklusiven Wohnprojekt beteiligen? Was wäre ihre Motivation? Das wäre die Herausforderung für die Zukunft. Hier stehen wir ganz am Anfang."

Küche „All-in(k)lusiv" sagt Gute Nacht

Mittlerweile ist es 21:30 Uhr geworden. Es ist dunkel draußen. Die Tische werden abgedeckt. Die Kochschürzen hängen wieder am Haken. Zeit, sich beim Gastgeber Küche Aktiv zu verabschieden. Lecker war's. Der Abend tat jedem gut.

 

             Am Kochherd: Thomas Kammerl, Regensburg inklusiv" (links) und Stefan Pusch von Küche Aktiv (rechts)

                                                                                       

                                                                         Text / Film / Foto: © Tania Bose

    

 

 

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